{"id":133,"date":"2019-09-03T15:17:34","date_gmt":"2019-09-03T13:17:34","guid":{"rendered":"http:\/\/dgpp.de\/de\/?post_type=kbe_knowledgebase&#038;p=133"},"modified":"2019-09-03T15:17:34","modified_gmt":"2019-09-03T13:17:34","slug":"was-weiss-man-heute-ueber-das-stottern-und-dessen-behandlung","status":"publish","type":"kbe_knowledgebase","link":"https:\/\/dgpp.de\/de\/wissen\/was-weiss-man-heute-ueber-das-stottern-und-dessen-behandlung\/","title":{"rendered":"Was wei\u00df man heute \u00fcber das Stottern und dessen Behandlung?"},"content":{"rendered":"<p>Rund 5% aller Kinder im Vorschulalter durchlaufen eine so ausgepr\u00e4gte Entwicklungsphase unfl\u00fcssigen Sprechens, dass die Diagnose &#8220;Stottern&#8221; gerechtfertigt ist. Ca. 20% dieser stotternden Kinder behalten ihr Sprechproblem bis ins Erwachsenenalter. Die psychosoziale Entwicklung beim chronifizierten Stottern ist h\u00e4ufig durch eine langwierige Auseinandersetzung mit dem Stottern, durch vielf\u00e4ltige Versuche der Selbsthilfe und Problembew\u00e4ltigung mit Hilfe von Experten gekennzeichnet. Die Unterschiedlichkeit des St\u00f6rungsbildes, der St\u00f6rungsgeschichten und Verl\u00e4ufe weist darauf hin, da\u00df es den typischen Stotterer nicht gibt. Dies ergibt sich auch aus der in Fachkreisen inzwischen als selbstverst\u00e4ndlich betrachteten Sichtweise des chronifizierten Stotterns als Folge eines jeweils individuellen und \u00fcber den zeitlichen Verlauf sich ver\u00e4ndernden Zusammenwirkens vielf\u00e4ltiger verursachender, ausl\u00f6sender und aufrechterhaltender Faktoren.<\/p>\n<h3>Symptomatik<\/h3>\n<p>\u00dcber die Symptombeschreibung des Stotterns herrscht weitgehend Einigkeit. Auf der von au\u00dfen beobachtbaren Ebene des Sprechverhaltens \u00e4u\u00dfert sich das Stottern in folgenden typischen Unterbrechungen des Redeflusses:<\/p>\n<p>&#8211; Wiederholungen von Lauten, Wortteilen und W\u00f6rtern,<br \/>\n&#8211; Dehnungen einzelner Laute,<br \/>\n&#8211; stimmhafte und stimmlose Blockierungen des Sprechflusses,<br \/>\n&#8211; Einschiebungen von Lauten, W\u00f6rtern, Satzteilen.<\/p>\n<p>Blockierungen und Dehnungen sind meist von Verkrampfungen der Sprechmuskulatur begleitet (spannungsvolles Stottern). Wiederholungen und Einschiebungen sind dagegen weitgehend spannungsfreie Unterbrechungen des Redeflusses. Neben der qualitativen Symptombeschreibung ist auch die Intensit\u00e4t des Auftretens einzelner Symptome wie zum Beispiel die H\u00e4ufigkeit von Wiederholungen, Dauer der Dehnungen und Blockierungen zu beachten. Im Einzelfall k\u00f6nnen die qualitativen und quantitativen Aspekte der Grundsymptomatik sehr heterogen in Erscheinung treten. Nach einem l\u00e4ngeren Verlauf des Stotterns k\u00f6nnen zur oben beschriebenen Grundsymptomatik Verhaltensauff\u00e4lligkeiten in folgenden Bereichen hinzutreten oder diese auch vollst\u00e4ndig ersetzen bzw. verdecken:<\/p>\n<p>&#8211; motorische Ebene (z.B. Mitbewegungen, ung\u00fcnstige Sprechatmung und Sprechtechnik),<br \/>\n&#8211; linguistische Ebene (z.B. sprachliches Vermeidungsverhalten),<br \/>\n&#8211; soziale Ebene (z.B. sozialer R\u00fcckzug\/Vermeidung, Vermeidung des Blickkontakts).<\/p>\n<p>Die Verhaltensauff\u00e4lligkeiten stehen in enger Beziehung zu den individuell sehr unterschiedlich ausgepr\u00e4gten und kombinierten kognitiv-emotionalen Anteilen der St\u00f6rung:<\/p>\n<p>&#8211; Antizipation von Sprechproblemen: manche Stotterer k\u00f6nnen sehr gut vorhersagen, in welchen Situationen oder bei welchen linguistischen Merkmalen es zu Sprechschwierigkeiten kommt;<br \/>\n&#8211; Sprech\u00e4ngste: an problematische Situationen und Sprechpassagen gebundene \u00c4ngste;<br \/>\n&#8211; Selbstwertprobleme: z.B. das Gef\u00fchl ein Versager zu sein, Gef\u00fchl der Hilflosigkeit, Gef\u00fchl der Unterlegenheit;<br \/>\n&#8211; ung\u00fcnstiges Selbstkonzept: Einengung der Wahrnehmung auf die Sprechproblematik, in Sprechsituationen wird der Gespr\u00e4chspartner wenig beachtet, Denken und F\u00fchlen drehen sich um die eigenen Sprechprobleme, sich selbst nur noch als &#8220;Stotterer&#8221; sehen und erleben.<\/p>\n<p>Oft ist die soziale Situation des Stotterers durch einen starken sozialen R\u00fcckzug und damit einhergehenden sozialen Kompetenzdefiziten und Sozial\u00e4ngsten gekennzeichnet. Infolge des Stotterns kommt es h\u00e4ufig zu Beeintr\u00e4chtigungen der pers\u00f6nlichen und beruflichen Selbstverwirklichung. Mit dieser (nicht vollst\u00e4ndigen) Aufz\u00e4hlung der vielf\u00e4ltigen \u00c4u\u00dferungformen des Stotterns wird deutlich, wie vielschichtig und komplex sich das Sprechproblem \u201d\u02dcStottern\u201d\u2122 darstellen kann. Im Einzelfall k\u00f6nnen daher die Problemebenen und therapeutischen Hilfestellungen sehr unterschiedlich sein.<\/p>\n<h3>Diagnostik<\/h3>\n<p>Differentialdiagnostisch ist zun\u00e4chst ein Ausschlu\u00df anderer St\u00f6rungen der Rede wie Poltern, Mutismus und Redeflu\u00dfst\u00f6rungen mit neurologischem (z.B. Stottern nach Schlaganfall) oder psychopathologischem Hintergrund (z.B. Stottern im Rahmen einer depressiven Episode) notwendig. Zur therapievorbereitenden Diagnostik ist eine Problem- und Bedingungsanalyse vorzunehmen, die der multifaktoriellen Sichtweise des Stotterns gerecht wird. Dazu ist es n\u00f6tig, die Stottersymptomatik auf der Verhaltens- und kognitiv-emotionalen Ebene zu explorieren. Die verursachenden (z.B. Heredit\u00e4t, St\u00f6rung der Sprechmotorik), ausl\u00f6senden (z.B. Stre\u00df, schwierige Sprechsituationen, ung\u00fcnstiges Kommunikationsverhalten in der Familie, Entwicklungsdefizite, \u00dcberforderung) und aufrechterhaltenden (z.B. Vermeidungsverhalten, soziale Kompetenzdefizite, Selbstkonzept, Therapiemotivation, ung\u00fcnstige soziale Situation) Faktoren sind herauszuarbeiten.<\/p>\n<h3>Therapie<\/h3>\n<p>Hier besteht die gro\u00dfe Schwierigkeit, aus der Vielzahl m\u00f6glicher Therapiestrategien diejenigen auszuw\u00e4hlen und gegebenenfalls zu modifizieren, die der individuellen Problemlage des jeweiligen Stotterers gerecht werden. So stellt sich die Frage, ob ein reines Sprechtraining (z.B. prolongiertes Sprechen), ein Vorgehen, das auf die kognitiv-emotionalen Anteile abzielt (z.B. Verfahren der kognitiven Umstrukturierung, Desensibilisierung), oder eine Behandlung der Sozialst\u00f6rung (z. B. Training sozialer Kompetenz) notwendig ist. H\u00e4ufig ist insbesondere beim chronischen Stottern ein mehrdimensionales Vorgehen angezeigt. Eine differentielle Indikation bedarf der oben angef\u00fchrten differenzierten Problem- und Bedingungsanalyse. Nur aus dieser Analyse k\u00f6nnen sinnvolle Therapieschritte abgeleitet werden.<\/p>\n<p>Weitere wichtige Therapieziele sind<\/p>\n<p>&#8211; die Aufkl\u00e4rung und Information des Patienten und\/oder dessen Familie \u00fcber das Sprechproblem,<br \/>\n&#8211; die Vorbereitung des Patienten auf m\u00f6gliche R\u00fcckf\u00e4lle und deren Bew\u00e4ltigung,<br \/>\n&#8211; Selbstorganisation der Betroffenen.<\/p>\n<p>(Dieter Rommel und Helge S. Johannsen)<\/p>\n<h3>Aktuelle deutschsprachige Literatur<\/h3>\n<p>P. Fiedler, R. Standop: Stottern. \u00c4tioloige, Diagnose, Behandlung. Psychologie-Verlags-Union, M\u00fcnchen, 1992.<\/p>\n<p>H. Schulze, H.S. Johannsen: Stottern bei Kindern im Vorschulalter. Theorie &#8211; Diagnostik &#8211; Therapie. Verlag Phoniatrische Ambulanz der Universit\u00e4t Ulm, 1986.<\/p>\n<p>H. S. Johannsen, H. Schulze (Hrsg.): Praxis der Beratung und Therapie bei kindlichem Stottern. &#8211; Werkstattbericht -. Verlag Phoniatrische Ambulanz der Universit\u00e4t Ulm, 1993.<\/p>\n<p>H. S. Johannsen, L. Springer: Stottern. Phoniatreische Ambulanz der Universit\u00e4t Ulm, 1993<\/p>\n<p>U. Natke: Stottern. Erkenttnisse, Theorien, Behandlungsmethoden. Huber, Bern, 2000.<\/p>\n<p>W. Wendlandt. Non-Avoidance-Prinzipien in der Therapie des Stottern. In: M. Grohnfeldt (Hrsg.): St\u00f6rungen der Redef\u00e4higkeit. Handbuch der Sprachtherapie, Bd.5. Edition Marhold, Berlin, 1992, 425-445.<\/p>\n<h3>Links<\/h3>\n<p>Deutschland: <a href=\"http:\/\/www.bvss.de\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Bundesvereinigung der Stotterselbsthilfe<\/a><\/p>\n<p>USA: <a href=\"http:\/\/www.mankato.msus.edu\/dept\/comdis\/kuster\/stutter.html\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Homepage von Judith Kuster &#038; John C. Harrison, National<br \/>\nStuttering Association<\/a><\/p>\n<p>Australien: <a href=\"http:\/\/www.cchs.usyd.edu.au\/ASRC\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Australian Stuttering Research Centre<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die psychosoziale Entwicklung beim chronifizierten Stottern ist h\u00e4ufig durch eine langwierige Auseinandersetzung mit dem Stottern, durch vielf\u00e4ltige Versuche der Selbsthilfe und Problembew\u00e4ltigung mit Hilfe von Experten gekennzeichnet.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":""},"kbe_taxonomy":[17],"kbe_tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dgpp.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kbe_knowledgebase\/133"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dgpp.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kbe_knowledgebase"}],"about":[{"href":"https:\/\/dgpp.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/kbe_knowledgebase"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dgpp.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dgpp.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=133"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/dgpp.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kbe_knowledgebase\/133\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dgpp.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=133"}],"wp:term":[{"taxonomy":"kbe_taxonomy","embeddable":true,"href":"https:\/\/dgpp.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kbe_taxonomy?post=133"},{"taxonomy":"kbe_tags","embeddable":true,"href":"https:\/\/dgpp.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kbe_tags?post=133"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}