{"id":107,"date":"2019-09-03T13:59:40","date_gmt":"2019-09-03T11:59:40","guid":{"rendered":"http:\/\/dgpp.de\/de\/?post_type=kbe_knowledgebase&#038;p=107"},"modified":"2019-09-06T03:24:46","modified_gmt":"2019-09-06T01:24:46","slug":"mein-kind-stottert-was-kann-ich-tun","status":"publish","type":"kbe_knowledgebase","link":"https:\/\/dgpp.de\/de\/wissen\/mein-kind-stottert-was-kann-ich-tun\/","title":{"rendered":"Mein Kind stottert &#8211; was kann ich tun?"},"content":{"rendered":"<p>Stottern ist eine auff\u00e4llig h\u00e4ufige Unterbrechung im Redeflu\u00df. Mit &#8220;auffallend h\u00e4ufig&#8221; soll verdeutlicht werden, da\u00df nahezu jeder Sprecher Unterbrechungen hat, aber nur in einem Ausma\u00df, da\u00df der Zuh\u00f6rer diese nicht als Ausdruck eines Stotterns wertet, sondern eher als Zeichen einer Unsicherheit des Sprechers gerade in dieser Situation. Die H\u00e4ufigkeit solcher Sprechunfl\u00fcssigkeiten, die der Zuh\u00f6rer noch als normal bewertet, ist ganz entscheidend vom Alter des Sprechers abh\u00e4ngig. Bei sehr jungen Sprechern, also zwei-, drei- und vierj\u00e4hrigen Kindern, werden mehr Unterbrechungen in Form von Wort- und Satzteilwiederholungen sowie Satzabbr\u00fcchen neuen Formulierungsversuchen akzeptiert als bei \u00e4lteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.<\/p>\n<p>Da etwa 80 % aller Kinder eine mehr oder weniger lange Phase von Entwicklungsunfl\u00fcssigkeiten (= physiologisches Stottern) von wenigen Wochen, mehreren Monaten oder gar zwei bis drei Jahren durchmachen, von diesen aber nur etwa 5 % einen Verlauf in ein chronisches Stottern aufweisen, von denen wiederum noch vier im sp\u00e4teren Kindes-, Jugendlichen- oder fr\u00fchen Erwachsenenalter fl\u00fcssig werden, stellt sich bei jedem unfl\u00fcssig sprechenden Kind zuerst die Frage, ob es nur ein Entwicklungsstottern hat oder ob ein \u00fcberdauernder chronischer Verlauf droht. F\u00fcr diese wichtige Entscheidung k\u00f6nnen von Nichtfachleuten &#8211; Eltern, Haus- und Kinder\u00e4rzte &#8211; folgende Bedingungen herangezogen werden, wobei zu gelten hat, da\u00df, wenn eine oder mehrere dieser Bedingungen bei einem Kind zutreffen, ein Spezialist f\u00fcr Kinderstottern &#8211; Phoniater, Logop\u00e4de, Sprachheilp\u00e4dagoge, Psychologe &#8211; herangezogen werden sollte:<\/p>\n<p>DAUER. Die Unfl\u00fcssigkeiten des Kindes dauern l\u00e4nger als 6 Monate an.<\/p>\n<p>VERLAUF. Das Stottern des Kindes hat sich von zun\u00e4chst spannungsfreien Wiederholungen zu Blockierungen weiterentwickelt. Es treten Mitbewegungen des Gesichts, des Rumpfes oder der Extremit\u00e4ten auf.<\/p>\n<p>ART DER SYMPTOMATIK. Es treten Dehnungen mit Tonh\u00f6hen- oder Lautst\u00e4rkeanstieg und Blockierungen mit sichtbarer Anstrengung auf. Die Eltern best\u00e4tigen diese Symptomatik als charakteristisch und h\u00e4ufig beobachtbar.<\/p>\n<p>REAKTIONEN DES KINDES. Das Kind selbst zeigt deutliche Reaktionen auf seine Redeunfl\u00fcssigkeiten, z.B. verbal oder durch Abbruch einer \u00c4u\u00dferung im Symptom, oder l\u00e4\u00dft ein Vermeiden bestimmter Laute, W\u00f6rter oder Sprechsituationen erkennen.<\/p>\n<p>SPRACHENTWICKLUNG UND MUNDMOTORIK. Das Kind hat deutliche Defizite in der Sprachentwicklung oder zeigt Auff\u00e4lligkeiten in der Mundmotorik.<\/p>\n<p>EINSTELLUNGEN DER ELTERN. Die Eltern \u00e4u\u00dfern die \u00dcberzeugung, da\u00df das Stottern sich gefestigt hat und sich nicht mehr von allein zur\u00fcckbilden wird.<\/p>\n<p>FAMILI\u00c4RE BELASTUNG. Mindestens ein weiteres Familienmitglied stottert ebenfalls.<\/p>\n<p>Beantwortet der zugezogene Spezialist die Frage Entwicklungsstottern &#8211; chronisches Stottern so, da\u00df ein g\u00fcnstiger Verlauf mit R\u00fcckkehr zu fl\u00fcssigem Sprechen wahrscheinlich ist, wird er die Eltern und eventuell weitere wichtige Bezugspersonen bez\u00fcglich ihrer M\u00f6glichkeiten, diesen Weg des Kindes zu fl\u00fcssigem Sprechen positiv zu beeinflussen, beraten und bei einem wider Erwarten doch ung\u00fcnstigen Verlauf mit \u00dcberdauern des Stotterns eine Wiedervorstellung vereinbaren.<\/p>\n<p>Sprechen jedoch alle Zeichen f\u00fcr einen chronischen Verlauf, wird er eine urs\u00e4chliche und damit auch die Inhalte einer Therapie steuernde Diagnostik durchf\u00fchren. Es ist n\u00e4mlich heute allen Fachleuten klar, da\u00df es die Ursache des Stotterns nicht gibt, sondern da\u00df Stottern vielf\u00e4ltige (multifaktorielle) Ursachen in verschiedenen Bereichen (multimodal) haben kann, die aber bei jedem Kind ganz individuell und in unterschiedlicher Kombination vorliegen und sich \u00fcber den zeitlichen Verlauf auch noch \u00e4ndern k\u00f6nnen. Solche Ursachen k\u00f6nnen genetischer Natur sein, sie k\u00f6nnen in Sprachentwicklungsdefiziten begr\u00fcndet sein, sie k\u00f6nnen in St\u00f6rungen der Sprechausf\u00fchrung liegen, sie k\u00f6nnen aber auch in ung\u00fcnstigen Sprachvorbildern oder einem stotterf\u00f6rdernden Interaktions- und Gespr\u00e4chsstil der Familie des unfl\u00fcssig sprechenden Kindes bestehen.<\/p>\n<p>Aus dieser ausschnitthaften Aufz\u00e4hlung m\u00f6glicher Ursachen wird \u00fcberdeutlich, da\u00df die ursachenaufdeckende Diagnostik sehr umfangreich und zeitaufwendig sein mu\u00df, zumal sich aus ihr erfolgversprechende, wiederum f\u00fcr jedes Kind individuelle Therapieans\u00e4tze ergeben. Hat ein Kind Sprach- oder Sprechentwicklungsdefizite, wird die Behandlung dort ansetzen. Eine Familie mit ung\u00fcnstigem Interaktionsverhalten ben\u00f6tigt darin Hilfestellungen. Wenn solche die Entwicklung fl\u00fcssigen Sprechens st\u00f6rende Faktoren aufgearbeitet sind oder gar nicht gefunden werden konnten, wird man durchaus auch schon bei einem Vorschulkind mit kindgem\u00e4\u00dfen Methoden und Inhalten an dessen Stottern direkt arbeiten.<\/p>\n<p>Gegner dieses Vorgehens wenden ein, da\u00df durch eine solchen Fr\u00fchtherapie beim Kind ein St\u00f6rungsbewu\u00dftsein entsteht, das das Stottern verschlimmert. F\u00fcrsprecher des fr\u00fchen Behandlungsbeginns wie auch wir halten entgegen, da\u00df mit einem solchen Vorgehen die Zahl der Stotterer im sp\u00e4teren Erwachsenenalter deutlich gesenkt werden kann.<\/p>\n<p>(Helge S. Johannsen, Andrea H\u00e4ge und Dieter Rommel)<\/p>\n<h3>Literatur<\/h3>\n<p>P. Fiedler, R. Standop: Stottern. \u00c4tioloige, Diagnose, Behandlung. Psychologie-Verlags-Union, M\u00fcnchen, 1992.<\/p>\n<p>H. Schulze, H.S. Johannsen: Stottern bei Kindern im Vorschulalter. Theorie &#8211; Diagnostik &#8211; Therapie. Verlag Phoniatrische Ambulanz der Universit\u00e4t Ulm, 1986.<\/p>\n<p>H. S. Johannsen, H. Schulze (Hrsg.): Praxis der Beratung und Therapie bei kindlichem Stottern. &#8211; Werkstattbericht -. Verlag Phoniatrische Ambulanz der Universit\u00e4t Ulm, 1993.<\/p>\n<p>H. S. Johannsen, L. Springer: Stottern. Phoniatreische Ambulanz der Universit\u00e4t Ulm, 1993<\/p>\n<p>U. Natke: Stottern. Erkenttnisse, Theorien, Behandlungsmethoden. Huber, Bern, 2000.<\/p>\n<p>W. Wendlandt. Non-Avoidance-Prinzipien in der Therapie des Stottern. In: M. Grohnfeldt (Hrsg.): St\u00f6rungen der Redef\u00e4higkeit. Handbuch der Sprachtherapie, Bd.5. Edition Marhold, Berlin, 1992, 425-445.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stottern ist eine auff\u00e4llig h\u00e4ufige Unterbrechung im Redeflu\u00df.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":""},"kbe_taxonomy":[17],"kbe_tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dgpp.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kbe_knowledgebase\/107"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dgpp.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kbe_knowledgebase"}],"about":[{"href":"https:\/\/dgpp.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/kbe_knowledgebase"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dgpp.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dgpp.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=107"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/dgpp.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kbe_knowledgebase\/107\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dgpp.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=107"}],"wp:term":[{"taxonomy":"kbe_taxonomy","embeddable":true,"href":"https:\/\/dgpp.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kbe_taxonomy?post=107"},{"taxonomy":"kbe_tags","embeddable":true,"href":"https:\/\/dgpp.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kbe_tags?post=107"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}